Roque Nublo

„Bereit für den Roque Nublo?“, fragte Ian.
„Ja!“, rief ich mutig.
„Wie sieht es bei dir aus, Leonie? Möchtest du hinten sitzen? Ich behaupte allerdings, die Straße wird besser.“
„Gut. Dann bleibe ich vorne“, beschloss ich tapfer.
Ian hatte recht. Die Straße schlängelte sich zwar weiter in die Berge, allerdings nicht mehr an ganz so steilen Abhängen entlang.


Wir fuhren durch San Bartolomé de Tirajana und dann weiter nach oben. Hin und wieder legte Ian einen Fotostop ein und ich fühlte mich wieder richtig gut und war bereit dazu, all die spektakulären Eindrücke um mich herum aufzunehmen.
„Gut“, verkündete Ian wenig später. „Wir sind jetzt in Ayacata und fahren nun hoch zum Parkplatz am Roque Nublo. Die Straße ist schmal und voller Kehren. Aber wir schaffen das.“
Etwa fünfzehn Minuten später standen wir tatsächlich am Parkplatz, der etwa zur Hälfte belegt war.
„Zu spät darf man nicht kommen“, meinte Ian. „Sonst ist hier alles voll.“


Da sah ich ihn auch schon, den Roque Nublo, den markanten Felsen, das Wahrzeichen Gran Canarias, in einiger Entfernung thronen – zusammen mit seinen Begleitern, dem Frosch- und dem Mönch-Felsen.
„Der Mönch sieht wirklich aus wie ein Mönch“, stellte ich fest.
„Die Wunder Gottes“, bekräftigte Francisco. „Hast du keine Wanderschuhe, Leonie?“
„Ähm, nein!“, stellte ich fest. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich hatte allerdings auch keine. Mehr.
„Es wird schon gehen“, meinte Ian fröhlich. „Du hast ja immerhin gute Sportschuhe.“
Dann machten wir uns auf den Weg nach oben. Es war relativ wenig los – allerdings wünschte ich mir bald doch Wanderschuhe. Der Weg bestand teilweise aus losem Geröll und nacktem, glatten Stein. Nach oben ging es. Aber wie würde es auf dem Weg nach unten sein?
So schnell hatte ich eine Sorge mehr. Dazu kam, dass ich mich alles andere als sicher auf den Beinen fühlte – meine Knie zitterten leicht und ich traute meinen Füßen nicht zu, festen Halt zu finden. Dennoch kämpfte ich mich tapfer hinter Ian und Francisco den Berg hinauf.
Obwohl es noch ziemlich früh war – gerade etwa zehn Uhr – brannte die Sonne schon heiß auf uns herunter, so dass ich zwei Mal eine kleine Pause einlegen musste, um Wasser zu trinken und dabei von kleinen Waldvögeln beschimpft wurde – offenbar stand ich zu nahe bei ihrem Nest.
„Wir sind gleich oben“, versicherte Ian. „Du wirst sehen – das Panorama ist atemberaubend.“
Und natürlich hatte er nicht zu viel versprochen.

Der Roque Nublo erhebt sich auf einem weiten Felsplateau, das eine herrliche Aussicht auf den Pico de las Nieves auf der einen Seite und den Talkessel von Tejeda auf der anderen Seite bietet. In der Ferne ragt überdies der Gipfel des Teide aus dem Meer. Vom Talkessel von Tejeda sahen wir in diesem Moment jedoch relativ wenig, da sich eine große Wolke wie ein Wattekissen auf die Hänge gelegt hatte. Einzig der Roque Bentayga, eine markante Felsspitze ähnlich dem Roque Nublo, ragte heraus.
Ich vergaß, wie sehr ich auf dem Weg hierher gelitten hatte und schoss unzählige Fotos.
„Da hinter den Bergen – da liegt Las Palmas“, erklärte Ian. „Siehst du die Wolken?“
„Wahnsinn“, staunte ich ehrfürchtig. „Wirklich … Einfach Wahnsinn.“
Wir arbeiteten und langsam an den Roque Nublo heran. Ich traute mich allerdings nicht zu weit nach vorne, weil ich nach wie vor weder meinen Schuhen noch meinen Beinen traute. Also setzte ich mich auf einen Felsen im Schatten und beobachtete die grauen Tauben. Hier schienen sie in ihrem wahren Element, ganz anders als ihr Dasein als fliegende Ratten in den Städten dieser Welt … Ich warf ihnen ein paar Krumen der Kokosmakronen hin. Das musste einfach sein.
„Es klart sich auf.“ Ian kam um den Felsen herum und setzten sich neben mich. „Bald ist der Blick auf Tejeda frei. Ich würde sagen, wir fahren noch auf den Pico de las Nieves, der Ausblick von da ist ebenfalls unglaublich.“

Bevor wir dort ankamen, mussten wir allerdings zurück zu unserem Jeep – und ich schaffte es auf dem Rückweg tatsächlich, auf den lockeren Steinen auszurutschen, auf den Hintern zu fallen und zu versuchen, mich mit meinem verbrannten Arm abzustützen.
Der Schmerz ließ mir Tränen in die Augen schießen. Sofort war Ian bei mir und nahm mich in die Arme. „Wird schon“, versicherte er mir. „Der Schmerz ist gleich vorbei.“
Ich ließ meinen Kopf einen Moment auf seine Schultern sinken und hoffte einfach nur, das er recht hatte. Was er natürlich hatte.
Mit aufgeschürften Beinen und einem Pochen in der Brandblase kam ich dann schließlich doch am Jeep an.
„Keine Wanderungen mehr“, erklärte ich.
„Nein“, stimmte Ian zu. „Keine Sorge.“ Und er hielt Wort.

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